Allgemein, Nachdenkenswertes
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Ich schäme mich, Sachse zu sein.

Den ganzen Tag heute saß ich an meinem Schreibtisch um zu lernen und den ganzen Tag ploppte meine Nachrichtenapp auf mit neuesten Nachrichten über Clausnitz, Bautzen und Flüchlingsangriffen allgemein.

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Wisst ihr, ich bin ein DDR – Kind. Auch wenn ich noch klein war als die Wende kam, so war ich doch mit meinen Eltern auf den friedlichen Montagsdemonstrationen, war auf Kundgebungen und habe die Deutschlandfahne auf meinem Spielplatz im Wind flattern sehen. Ich habe nicht verstanden was mein Papa mir erklärt hat, als ich ihn verwundert fragte was das sein soll, aber ich habe den Stolz in seiner Stimme gehört und den Glanz in seinen Augen gesehen. 1989. Die Mauer war weg.

Ich kam in die Schule und wir hatten Koreaner in unserer Klasse und später auch ein Mädchen aus dem Irak, die mit ihrer Familie geflüchtet war und uns viel von ihrer permanent drohenden Abschiebung erzählte. Jahrelang hat sie immer wieder geweint und wir hatten immer Angst, dass sie vielleicht am nächsten Morgen nicht mehr in der Schule sein wird. Inzwischen hat sie studiert und ist Ärztin.

Wir waren immer stolz darauf „Ossis“ zu sein. Ich war 6 Jahre lang in Süddeutschland und war immer glücklich wenn ich nach Hause kam und den sächsichen Dialekt hören konnte, die Entspanntheit und Direktheit der Menschen erleben durfte. Das Gemeinschaftsgefühl, der Zusammenhalt, diese ganz besondere Mentalität. Ich war unfassbar stolz darauf aus Sachsen zu kommen. Freistaat Sachsen. Es geht uns wirtschaftlich gut, Dresden und Leipzig boomen. Andere ostdeutsche Bundesländer können das nicht von sich behaupten.

Doch jetzt passiert es. Es wird langsam etwas unangenehm, Sachse zu sein. Sachsen ist zur Zeit kein Bundesland auf dass man stolz ist. Die Welt schaut auf Sachsen und was sieht sie?! Brandanschläge, Nazidemos, unzufriedene Menschen, Wut, Groll, Hass. Nicht nur von rechtsradikalen, sondern auch von linksradikalen. Beide Parteien beschuldigen sich, bekriegen sich und die Opfer sind Menschen, die aus Notsituationen ausgerechnet in Sachsen ankommen.

Ich möchte keine Flüchtlingsdebatte führen. ich hoffe, dass wir uns eigentlich alle einig sind. Menschen in Not muss geholfen werden. Menschen, die kriminell sind, müssen  bestraft werden oder können nicht im Land bleiben. Menschen in Not können nicht in Not bleiben, also braucht es eine gute europäische Lösung.

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Bild über BerlinMitteMom

In Sachsen gab es seit Januar 2015 229 rechtsradikal motivierte Anschläge gegen Flüchtlinge. Ich sag euch, wie kann es sein, dass Menschen so herzlos sind? Wie kann es sein, dass die Hemmschwelle so sinkt, dass man die Menschen nicht mit liebevollen Augen sehen kann? Es gibt immer schwarze Schafe, aber die meisten Menschen sind gut. Wir sind ein Land, in dem es seit Jahrzehnten Einwanderungen gibt. Die ganzen letzten Jahrzehnte waren es Russlanddeutsche, allgemein Osteuropäer oder eben Koreaner oder Vietnamesen. Hat die jemand beschimpft, gab es jemals so einen Aufstand wie jetzt? Wie kann es sein, dass man nach all dem Erlebten wieder eine Mauer ziehen möchte? 25 Jahre später? Letztes Jahr haben wir noch mit sehr vielen Kerzen genau diese 25 Jahre gefeiert. Wie kann es sein, dass man Geschichte vergisst, auf Propaganda hereinfällt und es wieder ein Feindbild gibt wie anno 1933? Wieso diese abstruse Angst vor Menschen? Wie kann es sein, dass Angst die Liebe besiegt? Wie kann es sein, dass sich Menschen „christlich“ schimpfen, aber die christlichen Werte der Nächstenliebe nicht leben?

Wir brauchen eine Lösung als Land und als EU, aber wir können diese Problematik nicht an fremden und betroffenen Menschen auslassen. Ich schäme mich dafür und möchte mich entschuldigen. Für mein gutes und wunderschönes Sachsen, meine große Liebe. Das Bundesland in dem ich alt werden möchte. Das Bundesland, in dem ich fest verwurzelt bin und welches mein Herz höher schlagen läss. Vor Glück. Doch zur Zeit glitzern Tränen in meinen Augen wenn ich die Nachrichten lese und ich wünsche mir, dass Sachsen bald wieder mit anderen Schlagzeilen Werbung für sich macht.

 

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