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Von der Kleinstadt-Schülerin zur Großstadt-Studentin

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Fotos und Text von Therese Peter – Gastbeitrag

Es ist mittlerweile schon 3 Semester und einen Sommer her, dass ich mein Abitur gemacht habe. Ich war 18, als ich vor einem großen Denkmal in einem langen Chiffon-Kleid zusammen mit meinem Papa die Abirede hielt und danach mit ihm zusammen sang. Udo Lindenberg, Hinterm Horizont. Es war unglaublich schön und ich war erstaunt darüber, wie ich mich das vor so vielen Menschen trauen konnte und bei 34 Grad in der Sonne nicht zusätzlich in Schweiß ausbrach. Meinem Papa brach die Stimme und ich war erneut erstaunt. Das tolle Zeugnis und die Rose in meiner Hand schienen gar nicht mehr so viel auszumachen. Ich war so unglaublich glücklich in diesem Moment.
Ich war ein Mädchen mit langen, blonden Haaren, die an diesem Tag locker geflochten waren. Ich war hübsch an diesem Tag und das Foto mit all meinen Freundinnen sah aus wie aus einem amerikanischen Film. Schon in diesem Moment wusste ich, dass ich das alles unheimlich vermissen würde. Die Unbeschwertheit, jeden Tag zu wissen, was einen erwartet. Früh morgens mit Papa in die Schule fahren, nachmittags auf dem Heimweg den neuesten Schul-Tratsch austauschen und zu Hause eine ausgiebige Runde mit meinem Hund drehen. Hausaufgaben erledigen, lernen, lesen, fernsehen. In der Schule war ich anerkannt, ich hatte tolle Freunde und ich wusste, dass mich Jungs toll fanden. Ich war eine von denjenigen, die sich immer meldeten und sich nicht scheuten, etwas zu sagen. Meine Klassenlehrerin war meine beste Freundin. Ich schrieb als Abileistung eine Facharbeit
in Deutsch über 30 Seiten und einen (kindischen) Teenie-Roman mit 100 Seiten. Ich hielt ein Kolloquium und brauchte keine Stichpunkte dafür. Ich war selbstbewusst. Während des Abiturs bewarb ich mich an der Journalisten-Schule der Axel Springer Akademie.
Mein Traum – Journalistin. Ich wurde schon nach zwei Wochen abgelehnt. Keine Erfahrung, kein Studium, Artikel und Roman schlecht. Ein herber Rückschlag, denn ich dachte, ich könnte etwas. Ein Vorschlag: ein Fach studieren, das einen interessiert. Dann Journalistin werden. Es war mein nächster Plan. Ich machte meine mündliche Prüfung in Religion und stellte fest, dass es mich interessierte, teilweise berührte. Ich dachte darüber nach, sah im Studiengang Religionswissenschaft allerdings keine Perspektive und entschied mich für evangelische Theologie.

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Erst als ich die Bewerbung abschickte, machte ich mir Gedanken darüber. Ja, ich fühlte mich als Christin. Nein, ich war dahingehend nicht sozialisiert. Ich konnte das Glaubensbekenntnis nicht auswendig und die zehn Gebote nicht in richtiger Reihenfolge. Ich zweifelte. Nach einem Telefonat mit der Studienberatung fühlte ich mich wieder besser – Leipzig freut sich auch über wissenschaftlich interessierte, auch viele Philosophen studieren hier. Ich atmete auf. Meine Religionslehrerin war hellauf begeistert, meine Familie freute sich. Meine Deutschlehrerin war skeptisch, sie sah mich in einem anderen Feld. Die Zeit des Zweifelns begann. Ich war kein Kind mehr, kein Teenie. Kein kicherndes Mädchen, das mit Jungs knutschte. Das auch einmal auf der Chorreise zu viel Alkohol trank. Ich musste erwachsen werden, doch ganz klar war es mir nicht.
Wir fanden eine gemütliche Einraumwohnung, ich war zufrieden und konnte es kaum erwarten, dass die Uni anfing. Am ersten Tag der Einführungswoche schlug ich früh am Morgen meine Augen auf. Herzklopfen. Sehr starke Herzklopfen. Mit meiner besten Freundin stiefelte ich zum Augustusplatz und brachte sie zu ihrer Einführungsveranstaltung, denn meine begann erst eine halbe Stunde später.
Dann war ich allein. Seit 8 Jahren war es das erste Mal, dass ich niemanden kannte. Niemanden. Ich lief einen riesigenUmweg zur Fakultät, was mir damals überhaupt nicht bewusst war. Ich spürte an der Ampel regelrecht, wie ich blass wurde. Meine Hände schwitzig. Dort standen Menschen! Viele Menschen. Seit Tagen fragte ich mich, ob es alle Freaks waren, die wie Jesus und Maria Magdalena aussahen und lange Haare hatten und um den Hals ein großes Kreuz trugen. Mist, ich war vielleicht overdressed. Als erstes sah ich ein großes Mädchen, okay vielleicht sollten wir ab jetzt von jungen Frauen sprechen. Sie hatte eine Lederjacke an. Jackpot. Ich hörte, wie sie ein pummeliger, pickeliger Junge fragte, ob sie auch Theologie studieren wolle. Sie sehe absolut nicht gläubig aus. Oh mein Gott! Ich sehe auch nicht gläubig aus! Ich fragte mich, ob diese Menschen Sex hatten, Alkohol tranken und lachten (heute könnte ich mich tierisch über diese Fragen aufregen,
wenn sie mir jemand stellt). Ich stellte mich zu etwa 5 anderen und formulierte ungefähr zweimal meine Frage im Kopf neu. Sie antworteten, dass sie auch Theologie studieren wollen und auch die Stadtbesichtigung mitmachen. Als wir losliefen, stand neben mir ein Mädchen mit einer weißen Spitzenbluse und lockigen Haaren, die zum Dutt gebunden waren. Das erste Wort, das mir zu ihr einfiel, war „rein“. Sie sah ziemlich hübsch aus und süß, irgendwie öko. Sie hieß N. (sorry N.!). Nach ungefähr 5 Minuten fiel mir ein Stein vom Herzen, denn ich wusste, dass ich eine Freundin gefunden hatte. Ich war nicht mehr allein!
Am Abend ging ich mit meinen ehemaligen Mitschülern feiern und ich musste mich um 1 Uhr bei meiner besten Freundin über ihrer Toilette übergeben. Es war mir schrecklich peinlich. Unser Kumpel rief ein Taxi, bezahlte es und brachte mich nach Hause. Unfassbar.
Am nächsten Morgen wachte ich mit schrecklichen Kopfschmerzen auf, und beschloss unter der Dusche, dass das vorbei war. Das bist nicht du, dachte ich. Du studierst jetzt, du bist vernünftig. Ich zog mich so an, wie ich dachte, dass es angemessen war und ging zum Willkommensfrühstück. Das Studium begann. Ich fand mich zurecht, mein Stundenplan funktionierte, ich hatte zwei, drei Freundinnen. Ich lernte ungewohnte Arten kennen, ich hatte mit Westdeutschen zu tun und wusste nicht, ob ich anders war oder ob sie anders waren. Ich meldete mich, wie früher, selbstbewusst im Proseminar Religionspädagogik, um das zu antworten, was ich für richtig hielt. Nach zwei Worten drehten sich alle 27 anderen Studenten im Seminar herum, um mich anzusehen. 2/3 von ihnen lächelte mich an. „Süß“, las ich in ihren Gesichtern. Ich beendete schnellstmöglich meinen Satz und versuchte mit meinen Händen mein errötetes Gesicht zu kühlen. Nach dem Seminar fragte mich eine, ob ich aus dem Erzgebirge käme, mein Dialekt höre sich so an. Ich hatte einen Dialekt???
Ich war irritiert, sagte aber, dass ich aus dem Harz komme. Ich bemühte mich, Hochdeutsch zu sprechen. Nach drei Semestern gelang es mir annähernd. Dennoch mochte ich das Seminar, las die Texte, machte meine Aufgaben und meldete mich. Ich bekam jedes Mal ein zögerliches Nicken des Dozenten oder eine Korrektur durch die anderen und nach vier Wochen ließ ich meine Hand unten. Ich lernte Griechisch und merkte nach drei Wochen, dass drei oder vier Leute im Kurs besser waren als ich. Ich musste mehr tun, ich zählte zum Durchschnitt. Die Spitze, wie in der Schule, erreichte ich nicht mehr. Im November schnitt ich mir meine Haare 13 cm ab. Ich ging eine Woche später das erste Mal
ungeschminkt zu Griechisch und es fiel keinem auf. Wahnsinn, wie war das möglich? Drei Tage lang zog ich über meine Shirts einen blauen, weiten Pulli. Es störte keinen. In der Mensa aß ich genauso viel, wie die Jungs und sie beäugten mich nicht seltsam. Ich aß in meiner Wohnung Schokolade, ich fing an, Kaffee zu trinken, ich hatte seit zwei Monaten keine Kontaktlinsen mehr getragen. Es störte niemanden, alle akzeptierten mich und alles, was ich tat. Es sagte niemand etwas kritisches. Die Mädchen zogen nicht über mich her.
Sie waren erwachsen. War ich es auch? Immer wieder erstaunten oder schockierten mich Dinge, die so anders waren als in der Schule. Nur Nele wusste meinen Geburtstag. Auf Facebook blieb meine Pinnwand das erste Mal leer. Meine Schulfreunde wollten mit mir feiern gehen, doch ich lehnte ab. Ich hatte seit einem halben Jahr einen festen Freund, der mir zum Geburtstag Rosen und Ballettkarten schenkte und mit dem ich über Silvester an die Nordsee fuhr. Wir schliefen um ein Uhr. Das erste Mal hatten wir uns bei einer Chorreise geküsst, als wir beide sehr beschwipst waren. Es zeigte mir, wie die Zeit sich geändert hatte. Vor einem Jahr noch ein unerschrockenes Mädchen, heute besonnene, junge Frau. Mit 16 hatte ich mich gefragt, wann ich wohl mal eine Beziehung haben würde, die länger als 4 Monate dauerte und wann es mal kein Problem darstellen würde, einfach bei einem Typen zu übernachten. Es war soweit. Ich war 19 und ich war weder Fisch noch Fleisch. Ich fuhr nahezu jedes Wochenende nach Hause und vermisste meinen Hund, sehnte mich danach, mit der Familie Kaffee zu trinken. Wenn es mal zu Hause krachte, blieb ich zwei Wochen in Leipzig. Ich war unabhängig-abhängig. Unter der Woche lief ich abends um neun durch dunkle, fremde Straßen und am Freitagnachmittag bekam ich einen Kuss von Mama. Ein offenes Ohr für die vergangene Woche. Ich war interessiert, sog alles auf, berichtete von Erkenntnissen, die scheinbar die Welt zu verändern schienen. Es wurde beaaahhht und be-ooohhht. Unter der Woche meldete ich mich nicht zu Wort, am Wochenendewurde ich gehört.

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Mit 20 saß ich zum ersten Mal in einem Seminar, in dem ich nahezu niemanden kannte. Keinen, mit dem ich mich über dem Inhalt des Seminars austauschen konnte. Ich musste tatsächlich meine Fragen dem Dozenten stellen und es wurde erwartet, dass man etwas zum Seminar beitrug. Ich meldete mich einmal pro Seminar – das war mein Ziel. Ich erreichte es. Nun stehe ich vor der riesigen Aufgabe, meine erste Seminararbeit schreiben zu müssen. Was ich vor zwei Jahren noch mit offenen Armen empfangen hätte, bereitet mir nun tägliches Kopfzerbrechen.
Seit einem Jahr stehe ich auf einer Landesliste und mein späterer Job scheint gesichert zu sein. Ich möchte Pfarrerin, Seelsorgerin, Rednerin sein. Nach Ostern halte ich meine erste Andacht. Ich übernehme Verantwortung für eine Gruppe in der Jugendkirche und gehe dort mittlerweile fast jede Woche ein und aus. Ich kümmere mich um Jungen und Mädchen, die so sind, wie ich. Nur zwei Jahre jünger. Sie stellen mir Fragen, sie sehen zu mir auf. Sie suchen bei mir Hilfe.
Seit Mitte Februar schminke ich mich wieder fast immer, wenn ich in die Uni gehe. Ich habe mir seit zwei Jahren wieder etwas bei Zara gekauft, Ausgeh-Klamotten. Eine teure Jeans und eine Bluse. Ich trage Lidschatten auf. Ich werde auf 17 oder 18 geschätzt und ich merke, dass ich nicht mehr 18 sein will. Ich will erwachsen sein. Ich bin erwachsen geworden. Ich weiß, dass es Zweifel gibt und dass man in meinem Alter Zweifel hat. Aus Zweifeln werden Lösungen, aus Klarheiten Zweifel. Das Leben ist ein ständiger Wandel mit neuen Aufgaben und es gilt sie zu lösen. Es wird auch Fehler geben, die ich machen werde. Aber sie gehören dazu, sie sind nicht unnormal. Man muss mit ihnen umgehen, mit ihnen leben, sie vielleicht bereuen.
Meine innere Mitte habe ich nicht gefunden, doch ich weiß – ich pendele um sie herum

1 Kommentar

  1. thelipstickfox sagt

    Ein toller, vor allem emotionaler Beitrag, den ich unterschreiben kann. Oft wünsche ich mir, nochmal zur Schule zu gehen , doch im gleichen Atemzug denke ich mir : nein, das ist es nicht, was du willst. Du willst unabhängig sein. So bin ich froh, dass ich mich nun endlich nach 5 Semestern in meiner Studienstadt wohl fühle.
    Liebe Grüße
    Nadine

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