Nachdenkenswertes
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Tabu Thema Abtreibung

IMGP3399

In der aktuellen Family gibt es einen Artikel über das Thema „Abtreibung“, an dem ich mitwirken durfte. Das Thema ist hochemotional und belastet. Sogar bei meinen Recherchen wurde ich angefeindet. Allein das Wort „Abtreibung“ sollte ich nicht verwenden, sondern es als „Geburtsabbruch“ bezeichnen. Die Frauen waren voller negativer Gefühle und haben mich beschimpft. Andere haben sich privat bei mir gemeldet und mir ihre Geschichten erzählt. Wir haben unterschiedliche Meinungen dazu und könnten darüber streiten wie die Kesselflicker. Vorab möchte ich sagen: Ich bin Theologin und angehende Pfarrerin. Das bedeutet, dass Leben für mich wertvoll und ein Gottesgeschenk ist und jeder Mensch, egal wie klein er sein mag, unfassbar wertvoll ist. Ich bin immer dafür, ein Kind zu behalten. Gleichzeitig möchte ich, dass das Thema „Abtreibung“ kein Tabu- Thema mehr ist. Moment. TABU- Thema? Reden wir nicht im 21. Jahrhundert ganz offen darüber? Nein. Wir mögen debattieren, wir mögen uns empören über eine Hillary Clinton, die Abtreibung per Gehirnabsaugung bis kurz vor der Geburt erlauben möchte. Wir mögen es entsetzlich finden, dass Präsident Trump am liebsten jegliche Abtreibung verbieten lassen möchte. Aber wir werden nicht persönlich bei dem Thema. Oder weißt du, ob deine Freundin nicht doch schon mal abgetrieben hat? Oftmals wird es verschwiegen. Wir tragen das mit uns herum, wir leiden im Stillen oder schämen uns, weil wir uns vielleicht nicht so schuldig fühlen, wie wir das vielleicht erwartungsgemäß sollten. Wir fürchten die Reaktion anderer, die Verurteilung der Menschen um uns herum. „Waaas? Du hast schon mal abgetrieben?“ Ich bin mir sicher, dass keiner aus einer Abtreibungsklinik kommt und danach ein Eis essen geht. Ich bin mir sicher, dass diese Entscheidung etwas mit dir als Mensch macht. Sie prägt. Sie begleitet dich dein Leben lang. Die Frage ist: Kann ich dazu stehen. Lässt mich die Gesellschaft dazu stehen. Kann ich damit leben. Habe ich emotionale Probleme, damit fertig zu werden? Wo bekomme ich Hilfe? Mit wem kann ich sprechen? Was mache ich mit dem leeren Gefühl in meinem Bauch? Wie kann ich mit dieser Entscheidung leben? Macht es mich zu einem schlechten Menschen? Schuldgefühle plagen. Selbst wenn man keine Schuldgefühle hat.

In der aktuellen family- Zeitschrift findet ihr ein Beispiel einer Frau, die zweimal abgetrieben hat und schlimm damit zu kämpfen hatte. Gleichzeitig zwei Fälle, in denen sich die Frauen in ausweglosen Situationen für das Kind entschieden haben. Ich möchte euch noch von einer Frau erzählen, die abgetrieben hat und das nicht bereut. Warum mache ich das? Mit meinen klaren Überzeugungen?

Mir ist wichtig, dass Frauen zu Wort kommen. Ich möchte, dass wir anfangen über das Thema zu sprechen. Ich möchte, dass wir frei werden um Frauen besser helfen zu können mit diesem Thema umzugehen. Ich möchte, dass wir verschiedene Meinungen hören und gleichzeitig mittragen. Eine Abtreibung macht man emotional nicht „mal eben so“. Auch Antonia nicht, die ich hier zu Wort kommen lasse. Auch eine Antonia hat mit sich gerungen und dann eine Verstandesentscheidung getroffen.

Manche Frauen können hinterher gut damit leben. Sie können diese Erfahrung gut verarbeiten. Andere vermissen nach Abstand ihr Kind. Viele Frauen haben große Probleme und brauchen hinterher eine psychiatrische Betreuung wegen eines „Post Abortion Syndroms“. Das darf man in Deutschland allerdings so nicht nennen. Hierzulande spricht man von einer „post-traumatischen Belastungsstörung“.

Antonia (44), selbstständig, verheiratet, 2 Jungs.

Antonia führt eine glückliche Ehe und hat engen Kontakt mit ihrer Familie. Sie hat 4 Geschwister, ihre Eltern waren bis zum Tod ihrer Mama glücklich verheiratet.

„Das erste Mal wurde ich 1998 schwanger und habe im April 1998 ambulant in München abgetrieben. Noch heute stehe ich zu meiner Entscheidung und bin nicht traurig darüber. Es war schlichtweg nicht der richtige Zeitpunkt. Ich wollte beruflich noch  aktiv weitermachen und Geld verdienen. Mein Mann steht ebenfalls zu mir und meiner Entscheidung damals. Es war auch keine große Sache, körperlich war ich nach einem Tag wieder fit und auch seelisch kann ich nur sagen, dass die Entscheidung gegen ein Kind, zu meinem Leben dazugehört. Wie meine beiden wunderbaren Söhne eben jetzt auch! Beide Kinder waren Wunschkinder und sind nach völlig unkomplizierten und schönen Schwangerschaften entspannt auf die Welt gekommen.

2010 bin ich ganz unerwartet noch einmal  schwanger geworden. Da war ich aber einfach durch die immense Belastung durch Selbständigkeit und zwei kleine Kinder schon nahe am Burnout und ich konnte mir  ein weiteres Kind einfach nicht vorstellen. Mein Mann hat meine Entscheidung akzeptiert und mich auch wieder zur Abtreibung nach München (gleiche Praxis) begleitet. Dieses Mal fiel es mir nachher etwas schwerer, zu meiner Entscheidung zu stehen, da ich wusste, dass ich nun aufgrund meines Alters kein Kind mehr bekommen würde. Im Nachhinein meine ich, dass ich es schon hätte schaffen können mit drei Kindern. Aber auch hier denke ich: Ich kann sicher im Leben nicht alles richtig machen. Aber ich kann mich entscheiden. Und das hab ich gemacht.“

Ich würde gern eure Meinungen zu diesem Thema hören. Wie steht ihr dazu: Findet ihr es wichtig, dass wir offener darüber sprechen? Nicht nur in der 3. Person, sondern wirklich persönlich werden? Empfindet ihr es als Tabu- Thema oder eher nicht?

IMGP3397

5 Kommentare

  1. Ich sollte auch abgetrieben werden. Meine Mama durfte eigentlich, aus gesundheitlichen Gründen, keine Kinder mehr bekommen. Vor 50 Jahren war das aber nicht immer so einfach. Und so war es am Ende zu spät dafür. Mein Vater hatte dann noch die Hoffnung endlich einen Sohn zu bekommen. Und da die Ehe nicht besonders glücklich war, war ich auch nicht wirklich willkommen.
    Auch wenn man versucht hat, mich das nicht spüren zu lassen, so habe ich doch immer unterschwellig die Ablehnung gefühlt. Am Ende war meine Mama dann doch glücklich darüber, dass ich da war. Sie für ihre Gedanken, Gefühle und Beweggründe aber zu verurteilen??? Wer weiß, wie ich in ihrer Situation gehandelt hätte. Ich war aber dankbar, dass sie mir irgendwann die Wahrheit erzählt hat. Das hat einiges erklärt.
    Schwangerschaftsabbrüche hat es schon immer gegeben. Früher mit Hilfe von (Gift-)Kräutern, Nadeln oder anderen spitzen Gegenständen, welche die Frauen oft getötet haben. Statt diese Frauen zu verurteilen, sollten wir dafür sorgen, dass so ein Eingriff ohne Gefahr für Leib und Leben von statten gehen kann. Oder sie finanziell und beruflich so absichern, dass sie das Kind, wenn schon nicht behalten, so doch austragen und zur Adoption frei geben können. Egal welche Entscheidung Frau trifft, sie wird sie ihr ganzes Leben lang begleiten. Auf die eine oder andere Art.

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    • Du Liebe, danke, dass du deine Geschichte hier teilst. Wahnsinn, was für eine Geschichte vor allem. Da liegt so viel Schmerz darin und gleichzeitig so viel Liebe und Vergebung. Ich freue mich, dass du am Leben bist. Ja, offene Worte und keine Verurteilung, sondern der Versuch zu verstehen und mitzufühlen sind ein wichtiger Schlüssel für vergebende Kommunikation. Liebe Grüße an dich und alles Gute!!

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  2. Annie sagt

    Ich habe auch zweimal abgetrieben. Einmal mit 21 in Leipzig, einmal mit 24 in Jena. Ich war beide Male relativ spät dran, 11. und 13. Woche. Zwar waren die Grundvoraussetzungen für ein Kind nie gut, das erste mal von einer Affäre schwanger, das zweite mal in einer Trennungsphase einer on-off-Beziehung. Früh abzubrechen, war kein Thema, ich wartete auf meine Mutterinstinkte, die aber nicht gekommen sind. In Leipzig war ich am Vormittag noch in einer Vorlesung und konnte um 11. Uhr noch nicht sagen ob ich den Termin um halb zwei wirklich wahrnehmen. Ich habe es dann durchgezogen. Es waren kleine Eingriffe, nicht der Rede wert, von meiner Umgebung hat niemand was mitbekommen. Und im Wartebereich stellten wir uns gegenseitig vor, ich, kein Kind, mein erster Abbruch, sie, zwei Kinder, erster Abbruch, sie, ein Kind, ihr zweiter Abbruch. Eigentlich eine gruselig lockere Stimmung.

    Jetzt, wenige Jahre später versuche ich mit meinem Partner schwanger zu leben. Bin ausgewandert, wir planen seit einem Jahr, eine Familie zu gründen und warten bis es einschlägt. Erst jetzt werde ich mir bewusst, sobald der Test positiv ist, werde ich erzählen, dass ich ein Kind erwarte – ein Kind. Das Wort habe ich vermieden. Von der Beratung über die Ärzte bis zu mir, es war „die Schwangerschaft“, die entfernt wird. Es war der Embryo (obwohl die Ärztin das beschönigt hat, im Prinzip war es ja schon ein Fötus)… und jetzt auf einmal werde ich es Kind nennen. Ich habe die Eingriffe bisher nie bereut. Aber langsam kommen mir wirklich böse Gedanken.

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    • Liebe Annie, unbekannterweise würde ich dich jetzt gern umarmen. Nicht aus Mitleid, sondern aus Mitgefühl. Ich danke dir sehr, dass du mich/uns hast teilhaben lassen an deinen Gefühlen. Die sind so kostbar. Ich kann nur erahnen wie es dir gehen mag. Schlussendlich müssen wir uns selbst vergeben, wenn wir Dinge getan haben, die wir vielleicht bereuen. Um dann nach vorn zu blicken in die Zukunft. Ich wünsche dir eine baldige, wunderbare Schwangerschaft und allen Frieden, den – meiner Meinung nach- nur Gott schenken kann. Von Herzen dir alles, alles Liebe.

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  3. Ich finde es schön, dass du dieses „Tabu-Thema“ ansprichst und vielseitig darstellen kannst ohne deine eigene Einstellung dabei aufzugeben oder zu verbergen. Und das Menschen sich dadurch ermutigt fühlen, von ihren eigenen Erfahrungen – egal wie sie aussehen – zu berichten.
    Sowas würde ich mir noch viel mehr im Internet wünschen! 🙂

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