Nachdenkenswertes
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Lebenstempo.

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Foto von J. Weicker

 

Der Zug rast an Feldern vorbei. Kühe, Pferde, Häuser, Wälder.. dann Städte voller Menschen. dreckig, laut und mitunter nicht sehr heimelig. So wie diese Welt außerhalb meines Fenster rast, so fühlt sich in den letzten Jahren mein Leben an. Das Lebenstempo ist hoch. Wer mich privat kennt, hat so manches Mal den Kopf geschüttelt und sich gefragt „warum so schnell?“ oder sich Sorgen gemacht „Wird sie das durchhalten?“. Mein Mann ist ebenfalls wie ich ein ehrgeiziger, zielstrebiger Mensch. Wir sind „Macher“ und haben keine Scheu, Entscheidungen zu treffen. Wir stehen zu unseren Fehlern, die manche Fehlentscheidungen hervorgerufen haben, reflektieren uns weitestgehend (unseres Erachtens meistens) gut und rasen weiter. Wir spornen uns an, wir sind unsere Cheerleader, feuern uns an und treiben uns zu Höchstleistungen an. Wir versuchen gleichzeitig, Auszeiten zu schaffen, uns zu erholen und abzuspannen. Wir liegen viele Abende faul auf dem Sofa oder in der Badewanne. Wir genießen unsere Liebe und sind dankbar für unser Leben.

Trotzdem. Unser Leben rast vorbei. Es ist schwer, Momente festzuhalten und sie auszukosten. Letztes Jahr im Sommer war ich an einem Punkt, wo ich wirklich am Ende war. Psychisch und physisch ausgelaugt. Ich sehnte mich nach Ruhe und freute mich, auf eine kommende Schwangerschaft. Wenn ich schwanger bin, schiebt mein Körper immer einen Riegel vor alles. Er wird müde und träge. Vergesslich und phlegmatisch. Er macht einfach nicht mehr mit bei unserem Lebenstempo und ich bin das gemütlichste Wesen der Welt. Dadurch habe ich auch bisher immer sehr entspannte, ausgeglichene Babys auf die Welt gesetzt. Stress war uns fern. Ich sehnte mich unendlich nach diesen Momenten. Ich wollte diese Auszeit.

Dann war sie da, die Auszeit. Und ich haderte. Ich wollte noch so viel machen. Ich wollte im Studium weiterkommen. Ich wollte das Haus fertig planen.. ich wollte so viele Dinge tun. Und es ging nichts mehr. Mein Körper wurde immer träger und immer müder. Im Studium ging nichts mehr, ich musste Prüfungen schieben. Das Haus wird fertig, aber ich hab noch keine Ahnung wie ich es einrichten möchte. Es ist mir auch irgendwie egal. Denn, mein Verstand ist phlegmatisch geworden. Ich hadere damit. Ich wehre mich dagegen. Ich will den Urzustand beibehalten und weiter zu Höchstleistungen auflaufen. Dabei vergesse ich, dass mein Körper schon Höchstleistungen vollbringt indem er ein kleines Baby produziert.

Es fällt mir schwer, stehen zu bleiben in dieser Zeit. Alle rennen weiter, das Leben rennt weiter. Und ich bleibe stehen. Ich muss akzeptieren, dass ich in 2 Monaten hochschwanger auf unserem Sofa sitzen werde und die Höchstleistung des Tages darin besteht, meine Kinder abzuholen und Essen zu kochen. Ich muss akzeptieren, dass noch einmal eine Zeit anbricht in der ich damit beschäftigt bin zu stillen, zu wickeln, zu trösten und das alles immer wieder von vorn.

Die einzige Lösung besteht darin, sich für diese Lebenszeit bewusst zu entscheiden. Meine Mutter sagte immer: „Es ist die Zeit der kleinen Augen. Es kommen wieder andere Zeiten. Es ist nur eine kurze Zeit, sie geht so schnell vorbei.“ Und damit hat sie Recht. Wie schnell sind die Kinder groß. Und dann will man die Zeit zurückdrehen und anhalten. Ich werde mich also entscheiden, innezuhalten und mein Lebenstempo anzuhalten. Ich werde noch einmal zurückfahren und diese Zeit mit Baby bewusst genießen. Sie kommt nie wieder.

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3 Kommentare

  1. DurchDieBlume85 sagt

    Liebe Priska,

    ich kann mich dem nur anschließen, dass die Vergänglichkeit und das rasante Tempo einen manchmal umhauen und mich regelrecht in Schockstarre verharren lassen. Schon wieder ein Jahr rum. Schon wieder eine Etappe geschafft. Schon wieder ein „VORBEI“. Mein Freund tröstet mich immer, indem er betont, dass es doch schön ist, dass die Kinder wachsen, dass sie selbstständiger werden und wir das miterleben dürfen. Und so schön es in dem Moment ist, so sehr weht auch immer eine Prise Wehmut mit.

    Momentan bin ich in Elternzeit mit Kind Nr. 2 und ich versuche so oft es geht bewusst zu erleben. Viel Aufmerksamkeit geht durch unsere multimediale Welt verloren. Wir haben kein Fernseher. Das bremst schon mal. Doch spätestens dank Handy und Laptop lässt man sich doch ablenken vom Wesentlich, vom Hier und Jetzt. Und wieviel an wertvoller persönlicher Kommunikation daran verloren geht… Hm. Es hat halt alles seine Vor- und Nachteile. Bei meiner Großen (und sie ist erst 2014 geboren!) hatte ich noch nicht den Luxus beim Stillen gleichzeitig über WhatsApp regen Austausch mit Freunden halten zu können. Das wiederum ermöglicht mir momentan eine Eskalation der feinen Sorte aus meiner Kleinkind-Baby-Windel-Welt… 😉

    Ich erinnere mich da oft an die Ergebnisse einer Studie, dass man bis zum 18. Lebensjahr gefühlt die erste Hälfte des Lebens „rum hat“. Und so lang wie einen die Sommerferien damals vorkamen, so viele neue Eindrücke, die es aufzunehmen, zu sortieren und zu ordnen galt, so glaub ich das gern. Spätestens beim Memory spielen mit Kindern fällt dann doch auf, dass unsere Kapazitäten irgendwie erschöpft sind 😉

    Aber eine Lösung per se gibt es da sicher nicht. Innehalten. Den Moment statt mit der Kamera auch mal mit Herz und Seele aufnehmen.

    Liebe Grüße aus der Südvorstadt

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  2. beatriceconfuss sagt

    Ach, ich verstehe dich sehr gut! Und so ein Haus ist ein großes Projekt. Da ich zu den ungeduldigen gehöre und immer genaue Vorstellungen habe, fiel es mir vor 2 Jahren auch schwer in ein bewohnbares, aber nicht fertiges Haus zu ziehen. Das Meiste war nicht so, wie ich es gerne gehabt hätte. Aber den Kindern war es egal. Mir dann irgendwann auch. Ich konnte es nicht ändern. Und mittlerweile denke ich, es ist gut, dass nicht sofort alles perfekt durchdacht und fertig war.
    Das Innenleben des Hauses wächst nun mit der Zeit und passt dann auch zu uns und unseren alten und neuen Gewohnheiten. Und ich freue ich über jede Ecke, jeden Raum der nach und nach optimiert wird und sich verwandelt.

    Im Grunde ein Sinnbild für langsames Voranschreiten. Es muss nicht immer alles jetzt und sofort klappen und fertig sein. Das vergessen wir in der heutigen Zeit zu schnell. Wer oder was hetzt uns eigentlich, frage ich mich selbst oft?

    LG 🙂

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